Heiligengestalten und ihre Feste -
Religionspädagogische Anregungen für Erzieherinnen

Religionspädagogische Blätter Heft 3
H.-J. Schlicht / A. Hanses / M. Mütsch / G. Gorißen / M. Görtz

 

1. Einleitung

Wie lernen angehende Erzieherinnen religionspädagogisch arbeiten?
Das vorliegende Heft ist ein inhaltlicher und konzeptioneller Beitrag zur Religionspädagogik im Kindergarten, in Kindertagesstätten und im Hortbereich. Es entstand aus einer mehrjährigen Zusammenarbeit mit Berufspraktikantinnen, die in der Ketteler - LaRoche - Schule am Intervallkurs "Religionspädagogische Zusatzausbildung" teilnahmen.

Die Rahmenbedingungen der "Religionspädagogischen Zusatzausbildung" ähneln denen von Fortbildungsveranstaltungen:

 

  • Die Teilnahme an der Zusatzausbildung ist freiwillig;
  • die Leistungen im Rahmen der Zusatzausbildung werden nicht benotet;
  • eine vorausgehende zweijährige Zusammenarbeit mit einem in der Regel tragfähigen Vertrauensverhältnis;
  • die beiden Lehrkräfte, die die Zusatzausbildung verantworten, sind nicht Mentor bzw. Mentorin während des Berufspraktikums, können sich also weitgehend beratend verhalten.

 

Wir erreichen so mit einer schulischen Ausbildungsform Kommunikationsbedingungen, die von Seiten der Berufspraktikantinnen oft als wertvoller geschätzt werden, denn die der sozialpädagogischen Praxis. Dort, so beklagen sich Teilnehmerinnen der Kurse, sei ein Mitarbeiterinnenkreis kaum von vertrauensvoller Zusammenarbeit und Akzeptanz bestimmt. Die alltägliche Arbeit sei stärker von unterschwelliger Missgunst, von Neid und Konkurrenz geprägt. Kooperative und produktive Arbeitsbedingungen sind zu allermeist erst zu schaffen und eben nicht vorzufinden. Das gilt auch ausdrücklich für die Absicht, religionspädagogisch mit Kindern zu arbeiten. Hierzu ist der Mangel an ausdrücklicher Anerkennung in den Praktikumseinrichtungen eklatant.
Wir halten es für günstig, wenn die Teilnehmerinnen während der Religionspädagogischen Zusatzausbildung erfahren können, wie konstruktive Zusammenarbeit persönlich und beruflich weiterhelfen kann. Damit werden Maßstäbe praktisch erkennbar, die es lohnen, auch im Arbeitsalltag realisiert zu werden. Das ist eine Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen d.h. lernbereiten, neugierigen und experimentierfreudigen Kurs.

An erster Stelle stehen wir bei der Zusatzausbildung vor der Aufgabe, mit den Teilnehmerinnen zusammen einen Zugang zum Thema zu finden. Dieser je eigene und persönliche Zugang beruht nicht allein auf ausdrücklich theoretischen Verstehensvoraussetzungen. Es geht uns dabei nicht um einen "Minikurs" in Religionswissenschaft oder Theologie, auch nicht um eine Systematik außerschulischer Religionspädagogik Umfang und Organisation der Zusatzausbildung, die motivrationalen Bedürfnisse der Teilnehmerinnen und die Aufgaben der Praxis, lassen derartige Ansprüche überzogen erscheinen. Wichtiger ist uns vielmehr eine personenbezogene Anregung durch religiös theologische Traditionselemente, sowie deren volle Erschließung auf lebens- bzw. glaubensrelevante Deutungen.
Kurz: An erster Stelle steht die religiöse Sozialisation und Glaubensgeschichte der Teilnehmerinnen, deren Bedürfnis, sich religiös zu entwickeln. Wir sind dabei auch herausgefordert, Reste eines infantilen Kinderglaubens in eine erwachsengemäße Form transformieren zu helfen und in einem weiteren Schritt neue Suchbewegungen gegenüber bislang unzugänglichen christlichen Traditionsinhalten, theologischen Leerformeln oder religiösen Klischees anzuregen.

Erst an zweiter Stelle beschäftigen wir uns mit didaktisch- methodischen Gesichtspunkten und einer religionspädagogischen Vermittlungsaufgabe in verschiedenen sozialpädagogischen Tätigkeitsfeldern. Das geschieht im Blick auf die Kindergruppen, mit denen die Teilnehmerinnen während ihres Berufspraktikums arbeiten. Dazu gehören gemeinsame Planungen, Situations- und Bedingungsanalysen für religiöse Erziehung, der Austausch von Erfahrungen, Tipps und Ideen, aber auch Hospitationen am Arbeitsplatz und individuelle Beratung.

Mit dieser Reihenfolge begründen wir keine Rangfolge, werten wir didaktische und methodische Probleme nicht ab. Auch der umgekehrte Weg ist praktikabel und sinnvoll: von der Didaktik und Methodik zur persönlichen Glaubensauseinandersetzung. Unsere Vorgehensweise begründet sich durch die Motivation der Kursteilnehmerinnen. Sie wird fast durchweg damit begründet, dass die angehenden Erzieherinnen Anregungen aus dem zweijährigen Religionsunterricht der Fachschule für sich und ihre Glaubenssuche fortführen wollen.

Zum anderen meinen wir, dass eine für Kinder und Jugendliche glaubwürdige Religionspädagogik nicht in erster Linie durch die Sache oder ein anregendes methodisches Arrangement entschieden wird. Eine tragfähige Vermittlung von christlichen Glaubensperspektiven kann bedeutungsvoll werden, wenn die Erzieherinnen sich selbst als Medium für ein religiös- christliches Lebensverständnis und eine entsprechende Lebenspraxis verstehen lernen. Kinder müssen an ihrer Erzieherin "ablesen" können, was es mit dem Glauben auf sich hat. Sie müssen durch die Person der Erzieherin erfahren, dass das eigene Leben reicher und tiefer werden kann, wenn man sich religiös entwickelt und Christ wird. Erzieherin und Kind werden sich über die Sache (die christlichen Glaubenstraditionen) begegnen. Die Sachbegegnung aber ist nicht Selbstzweck. Sie wird lebendig und wirksam nur, wenn es zu persönlichen Begegnungen kommt und wenn Kinder erkennen bzw. mindestens ahnen, was eine christliche Lebensorientierung für die Erzieherin bedeutet: Letztlich nicht eine Fachperspektive neben anderen, sondern ein Lebensgrund, eine tragfähige Orientierung.

So rücken wir bei unseren Treffen drei Gesichtspunkte zusammen:

 

    a) die Person, d.h. auch deren Erlebnisse und Erfahrungen mit Religion, Glaube und Kirche;
    b) die Sache, d.h. ausgewählte Traditionsinhalte des christlichen Glaubens; und
    c) der gemeinsame Prozess der Erschließung eines Traditionsinhaltes, d.h. eine Öffnung für anregende, fragende und korrigierende Entdeckungen der eigenen religiösen Sozialisation und individuellen Glaubensgeschichte, sowie Planung und Übung von religiösen Erlebnis- und Lernmöglichkeiten.

 

Diese drei Gesichtspunkte werden zwiefältig berücksichtigt, nämlich

 

    selbsterfahrungsbezogen, auf eine existentiell- religiöse Bedeutung für das eigene Glauben und den den eigenen Glauben, sowie
    berufsbezogen, auf berufliche Probleme und didaktisch- methodische Fragen.

 


 

1.1 Absichten des Heftes

Mit dem vorliegenden Heft verfolgen wir verschiedene Absichten:

 

  • Die schriftliche Reflexion unserer Arbeit bei der Religionspädagogischen Zusatzausbildung dient uns zur Selbstvergewisserung (Was tun wir, wenn wir mit Berufspraktikantinnen religionspädagogische Fähigkeiten weiterentwickeln wollen?).
  • Die Veröffentlichung dieser Reflexion freilich ist auch eine Form der Selbstdarstellung unserer Arbeit. Wir "dokumentieren" unsere Planungen, zeigen vor allem die Vorgehensweise bei einem religionspädagogischen Arbeitstreffen und erläutern Fragen, Probleme sowie Ergebnisse unseres Lehr- Lern- Prozesses.
  • Schließlich verstehen wir das Heft als eine Anregung für sozialberuflich oder pastoral arbeitende Personen, die sich für religionspädagogische Weiterbildungsmöglichkeiten interessieren.
  • Und wir hoffen, dass das Heft als Arbeitshilfe Verwendung findet.

 

Was tun wir, wenn wir mit Berufspraktikantinnen nach Wegen und realistischen Zielen religiöser Erziehung in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern suchen?

Die großen Kapitel 2 und 4 des Heftes "buchstabieren" nach, in welchen Schritten wir uns mit religiösen Inhalten auseinandersetzen. Gegenstand dieses Heftes ist ein herkömmliches Thema religiöser Erziehung: Heiligengestalten und ihre Feste.
Was jedoch lange Zeit zum selbstverständlichen und gesicherten Bestand religiöser Tradition im katholischen Christentum gehörte, hat heute einen außerordentlichen Bedeutungsverlust erfahren. Vielfach gibt es Unsicherheit, wie oder gar inwiefern man Kinder noch mit Heiligengeschichten konfrontieren soll. Sind Heiligenlegenden nicht eine naiv- fromme Unterhaltung ohne sinnvollen Bezug zur Lebenswelt von Kindern? Oder soll man sich nicht redlicherweise mit den säkularen Resten der eins verbreiteten Brauchtumsformen bescheiden, die irgendwie dann doch alle Kinder aus noch so verschiedenen Lebensverhältnissen mitvollziehen können? Dann könnte man ein Laternenfest statt St. Martin feiern, ein Weihnachtsmannspektakel mit wechselseitigem Beschenken statt Nikolaus.

Wir suchten in unseren Kursen verlorenes Brauchtum, entleerte Rituale oder religiöse Bezüge neu zu erschließen. Sie direkt relativieren zu wollen, schon gar durch methodische Überlegungen oder attraktiv gestaltete Medien, erscheint uns sinnwidrig. Wir wollten sehen, ob es uns selbst und dann gemeinsam mit den Teilnehmerinnen gelang, Heiligengestalten so zu befragen, dass sie auch Menschen in der Moderne, die nicht mehr in einem umfassend kirchlich- religiös bestimmten Milieu leben, sprechend werden. Spiegeln uns die "fernen Heiligen" etwas, das uns zur Lebensdeutung und Wirklichkeitsverständnis führen kann, ohne die christliche und spezifisch christologische Botschaft ihres Lebens aufzulösen? Ja, vielleicht konnte es gelingen, mit kritischem Blick einem gegenüber infantil- sentimentalem Gebrauch, die Auseinandersetzung mit Heiligengestalten als einen Weg zu entdecken; als einen Weg, der Chancen christlicher Lebenspraxis in einer entheiligten , brüchigen Lebenswelt wahrnehmen lehrt.
Mit dem vorliegenden Text stellen wir dieses Ansinnen zur Diskussion, ohne eigens didaktische Fragen, Entscheidungen, Probleme und Prinzipien herauszuarbeiten. Das bleibt einem späteren Heft vorbehalten, in dem das Konzept der Religionspädagogischen Zusatzausbildung vorgestellt werden wird (Vgl. A. Hanses:"Die Religionspädagogische Zusatzausbildung an der Ketteler-LaRoche-Schule"; Heft 4).

In dokumentarischer Absicht zeigen wir ...
 

  • die schrittweise Annäherung an die Heiligengestalten von St. Nikolaus und St. Martin.
    Die Darstellung folgt möglichst anschaulich der Interpretationsarbeit mit den Teilnehmerinnen, gibt deren Fragen, Erinnerungen und Erlebnisse wieder. Während eines Kursabschnittes arbeiten zwei Kleingruppen parallel mit je einem der beiden Heiligen und ihren Festen.
  • die Erschließung der Christopherus- Legende und -gestalt; diese Arbeit geht auf zwei Fortbildungsveranstaltungen mit Kindertagesstätten zurück.
  • die Erfahrungsberichte von Erzieherinnen, die an der religionspädagogischen Zusatzausbildung teilgenommen hatten.
    Sie runden die Dokumentation ab, indem sie praktikable Chancen der Auseinandersetzung von jüngeren Kindern mit Heiligengestalten zeigen.

 

Insofern nicht nur Arbeitsergebnisse summarisch vorgestellt und kommentiert werden, sondern auch Impulse, Leitfragen, Gesprächsanregungen, verschiedene Techniken und Methoden vorgestellt werden, zeigen wir konkret, wie wir arbeiten, zu Einsichten finden, neue Fragen entdecken, wie wir experimentieren, bestimmte Techniken üben, Eindrücken Gestalt zu geben versuchen und welche praktischen Konsequenzen sich ziehen lasse.
Wir hoffen, dass diese methodischen Hinweise Leser anregen, sich selbst auf Entdeckungen zu begeben und vielleicht eine neue Sicht von Heiligengestalten zu gewinnen. Das Heft kann so auch als Arbeitshilfe für religionspädagogisch tätige Erzieherinnen oder pastorale Mitarbeiter benutzt werden, die zusammen mit Kolleginnen einen Zugang zu Heiligengestalten suchen und eine tragfähige Vermittlungsgrundlage gegenüber Kindern gewinnen wollen.
In erster Linie ist der Text dazu geschrieben, sich selbst bezüglich der herkömmlichen Heiligenfeste zu orientieren. Unmittelbare Handlungsanleitungen für jeweils doch sehr unterschiedliche Tätigkeitsfelder und Bezugsgruppen wollten wir vermeiden. Wir gehen davon aus, dass eine Erzieherin oder Gemeindereferentin selbst ein wichtiges "Medium" christlicher Botschaft ist, gerade auch wenn sie auf bestimmte Traditionsinhalte zurückgreift und sich verschiedener Methoden bzw. Medien bedient (vgl. Heft dieser Reihe). Kinder fragen indirekt und intuitiv danach, was das bedeutet, wovon Erwachsene sprechen und was sie tun. Nicht die vermeintliche Objektivität einer Sache überzeugt, sondern die Person, wie sie im Blick auf eine Sache bzw. eine Herausforderung lebt. So wird, religionspädagogisch gedacht, die eigene Orientierung wichtig, die eigene Haltung, die eigenen Frage- und Antwortmöglichkeiten. Religiös erziehen wollen, heißt vor allem auch sprachfähig zu werden hinsichtlich der eigenen religiösen Orientierung, den individuellen Glaubensmöglichkeiten und Glaubenskrisen.


H.-J. Schlicht / A. Hanses / M. Mütsch / G. Gorißen / M. Görtz

Preis: 4,- €

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